There is only one Boston!

 

Boston Marathon am 20. April 2015

 

Über Berlin nach Boston – so war der Plan. Auf der flachen Marathonstrecke in der Hauptstadt eine gute Zeit laufen, die für den Qualifikationsstandard des Boston Marathons ausreicht, das konnte klappen.
Und es reichte. Eine kurze Phase der Ungewissheit nach der Anmeldung muss durchgestanden werden. Doch Ende September steht es fest- Status: Accepted!
Eine Ungeschicktheit beim Heidelberg Trail Marathon stellt dann alles in Frage. Ich knicke mit dem Fuß um und reiße mir das Außenband an. ‚Gut‘, denke ich mir, ‚in spätestens 6 Wochen bist Du wieder am Laufen.‘ Das war weit gefehlt! Die Odyssee durch Notaufnahmen, Orthopädie- und Physiopraxen zieht sich fast sechs Monate hin. Anfang März starte ich einen letzten Versuch. Wenn es jetzt mit dem Laufen nicht funktioniert, muss ich endgültig als Tourist an die Ostküste reisen. Viele helfen. Matthias von der Physiotherapie behauptet steif und fest, „das Band ist gut!“, die Roths haben immer gute Tips, Cathleen gute Übungen und Massagen auf Lager. Aber es bleiben nur noch 5 Wochen Training übrig – ein Aufbau quasi von Null. Das könnte knapp werden. Der erste „Lange Lauf“ ist eine Katastrophe, aber von Woche zu Woche wird die Form besser. Fürs Ankommen könnte es reichen.

Über Reykjavik fliegen wir nach Boston. Wir sind privat in Somerville untergebracht, einem studentisch-alternativ angehauchten Stadtviertel nördlich es Charles Rivers. Alles richtig gemacht! Drei Tage Akklimatisation mit Sightseeing, Shopping und Marathonmesse später ist endlich der Marathon Day. Sehr früh machen wir uns auf den Weg ins Stadtzentrum, wo ab 6 Uhr am Stadtpark „Boston Common“ eine Armada von gelben Schulbussen auf die Läufer wartet, um sie nach Hopkinton 42 km ins Landesinnere zu bringen. Der kleine Ort wird nun Besuch von 32 000 Startern bekommen und auf das Dreifache anschwellen. Aber alles ist gut organisiert in diesen Tagen, die Boston Athletic Association veranstaltet den Marathon dieses Jahr schließlich schon zum 117. Mal! Mehrere große Zelte warten auf dem Gelände der örtlichen High School auf die Teilnehmer. Hier ist für ein Frühstück mit Kaffee, Bagels und Obst gesorgt – und für den nötigen Unterstand. Denn das Wetter ist schlecht: kalt, windig, und regnerisch. Jetzt heißt es sich warm zu halten. Körper an Körper campieren die Läufer nun in den Zelten und halten sich mit Silberfolien warm, bis endlich ihre Welle und ihr Corral zum Aufruf kommt. Zeit für etwas Smalltalk, woher?, ah aus Germany, welche Zeit?, schlechtes Wetter heute, ja!

 

            

 

David, der Glückliche darf sich schon auf den Weg machen. Er ist in der ersten Welle. Für ihn hat das Frieren nun ein Ende. Endlich wird auch meine zweite Welle annonciert. Doch ich stehe noch in der WC Schlange. Nur jetzt keine Panik! Notfalls laufe ich hinterher! Endlich und noch rechtzeitig kann ich mich auf den Weg zur Startlinie machen. Nach und nach entledige ich mich der Kleidungsschichten, die mich den Morgen über warmhalten sollten und stecke sie in bereitgestellte Spendensäcke, bis nur noch die Laufklamotten übrig sind. Schon jetzt erhalten wir Läufer viel Zuspruch von den Zuschauern am Rand. Aus Lautsprechern ertönt das Boston-Lied „Sweet Caroline“ von Neil Diamond – ein erster Anflug von Gänsehaute überkommt mich. Ich finde meinen Weg ins erste Corral und eine kurze Startzeremonie und einen Startschuss später geht es los zurück in Richtung Boston. Ich spreche mir im Kopf mein zurechtgelegtes Mantra vor: ‚Bloß langsam laufen und nicht auf die anderen Läufer achten!‘ Das gestaltet sich schwierig, denn ich komme auf dem ersten Bergabstück ins Rollen. Schnell wechseln sich Bergauf- und Bergabpassagen ab. ‚Das ist gut für den Kopf‘, denke ich, ‚viel Abwechslung auf der Strecke‘. Immer vor dem geistigen Auge erscheint mir der legendäre „Heartbreak Hill“ bei Kilometer 31. Bis dahin muss ich es schaffen, dann geht es nur noch bergab und flach in die City zurück.
Bei jedem Anstieg nehme ich bewusst das Tempo heraus. ‚Bloß in Würde und ohne stehen bleiben zu müssen ankommen!‘ Der Regen wird stärker. In Kombination mit dem kalten Wind lässt er den Körper auskühlen und die Oberschenkel schmerzen. Wären da nicht die sportverrückten Zuschauer, die in jeder durchlaufenen Ortschaft eine Marathonparty feiern und das Feld lautstark anfeuern, gäbe ich jetzt dem Verlangen nach, an der nächsten Wasserstation eine Pause einzulegen. Aber weiter geht es in Richtung Boston, hügelauf und hügelab. Jetzt kommt eine lange Steigung. ‚Ist das der Heartbreak Hill?‘, frage ich mich und auch andere im Feld. Ich finde ein gutes Tempo und laufe bewusst Schritt für Schritt. Endlich geschafft, die Strecke wird flacher, die Umgebung großstädtischer. Jetzt heißt es die letzten Kilometer durchzuhalten. Die 40k-Marke ist erreicht. Plötzlich geht es ganz leicht. Euphorie macht sich in meinem Körper breit. Nur noch einmal rechts in die Hereford Street, dann gleich links in die Boylston Street und schon ist das Ziel in Sichtweite. Einen kleinen Schlusssprint kann ich mir nicht verkneifen, doch die letzten paar Meter nehme ich heraus und genieße.

 


Die berühmteste aller Marathonziellinien ist überquert. Die vielen Helfer im Zielbereich überschütten die Finisher mit Glückwünschen und den verdienten Medaillen und sorgen für Verpflegung und den bitter nötigen Schutz vor Kälte und Regen. Was wäre der Lauf ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer!
Jetzt schnell nach Hause ins Trockene! Eine warme Dusche sollte den starr gefrorenen Körper wiederbeleben. Am nächsten Tag wird im „Sweet Cheeks“, einem East Coast Barbecue Laden in Downtown Boston gefeiert. Läuferhunger wird hier auf Jumboportion treffen!

Der Boston Marathon: ein einmaliges Erlebnis! Hier paart sich Marathontradition mit einer top Organisation, mit jederzeit freundlichen und hilfsbereiten Helfern, einer sportlich herausfordernden Strecke und einen sportverrücktem Publikum, das die Marathoner nach vorne treibt und das Laufen zum Vergnügen macht. „There is only one Boston!“